„Wir müssen die Moscheegemeinden öffnen“

Ab kommenden Sonntag werden in der Heidelberger Moschee Dialogbeauftragte für alle Ditib-Moscheegemeinden in Baden ausgebildet. Zwei der bundesweit 54 Multiplikatoren, die die Dialogbeauftragten ausbilden werden, sind Dilek Ibis, 31 Jahre alte Lehrerin aus Mannheim, und der 26 Jahre alte Heidelberger Lehramtsstudent Ethem Ebrem. Im Rahmen des Projektes „Pro Dialog – mitten im Leben“, das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und dem Europäischen Integrationsfonds (EIF) gefördert wird, übernehmen sie nun an zehn Sonntagen die Ausbildung neuer ehrenamtlicher Dialogbeauftragter für ganz Baden.

> Frau Ibis, Herr Ebrem,was sind Dialogbeaufragte?
Ebrem: Sie sind Ansprechpartner der Gemeinden nach Außen und sollen gleichzeitig helfen, dass sich die Moscheegemeinden auch nach Außen öffnen.

> In christlichen Gemeinden übernehmen das in der Regel die Pfarrer, also die Theologen. Warum nicht auch bei Ihnen?
Ebrem: Unsere Theologen sind oftmals der deutschen Sprache nicht mächtig. Mittlerweile gibt es Projekte und Programme, die diese Situation zu verbessern versuchen, doch das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Wir wollen mit den Dialogbeauftragten die sprachliche Lücke schließen und eine Brücke in die Gesellschaft bauen, die uns aufgenommen hat.

> Wieso benötigen die Moscheegemeinden überhaupt Dialogbeauftragte?
Ebrem: Wir müssen die Gemeinden öffnen, und zwar in der Eigenwahrnehmung und in der Außenwahrnehmung. Die Kontakte mancher Moscheegemeinden in die Öffentlichkeit sind noch recht dürftig; auf der anderen Seite weiß die Nachbarschaft gar nicht, dass Muslime nebenan sind.
Ibis: Es geht aber auch darum, Vorurteile gegenüber den Gemeinden abzubauen. Die Menschen sollen wissen, was in der Moschee passiert, wir wollen Transparenz schaffen. Ich bin überzeugt: Allein schon durch den Schritt in die Öffentlichkeit findet Integration statt. Und es werden Vorurteile abgebaut.

> Welche Vorurteile nerven Sie am meisten?
Ebrem: Die Kopftuch-Vorurteile. Kürzlich wurde nach einer Moscheeführung gesagt: Da war eine Frau mit Kopftuch, die konnte perfekt deutsch.
Ibis: Mich nervt, dass Islam mit Terror gleichgesetzt wird. Unsere Religion bekommt immer einen negativen Touch, Islam gilt als streng und wird als archaisch wahrgenommen; und das wird immer schlimmer.

> Wie sieht die konkrete Arbeit für Sie als Dialogbeauftragte aus?
Ibis: Wir bieten Moscheeführungen an, und zwar für alle: für Kindergartengruppen, für Schüler, Studenten, Politiker, einfach für alle.
Ebrem: In Heidelberg nehmen wir auch am interreligiösen Dialog mit Christen und Juden teil. Aber die wichtigste Aufgabe ist selbst aktiv zu werden.

> Wer kann Dialogbeauftragter einer Moscheegemeinde werden?
Ebrem: Voraussetzung ist, dass derjenige deutsch spricht. Unsere Fortbildung ist ausschließlich auf Deutsch. Meistens sind es schon Leute, die engagiert sind und die ihre ehrenamtliche Arbeit ausbauen wollen.
Ibis: Ziel ist, genau so viele Frauen wie Männer auszubilden. Im Moment haben wir aber mehr Frauen auf der Teilnehmerliste.
Ebrem: In der Regel sind Männer in den Vereinsvorständen, wir wollen die Präsenz von Frauen verstärken und stabilisieren.

> Welche Themen sind Teil der Ausbildung zum Dialogbeauftragten eines Moscheevereins?
Ibis: Ein wichtiges Thema ist die Entwicklung von der Hinterhofmoschee zur Offenen Moschee. Es geht auch um interreligiöse Themen: Katholische, evangelische und jüdische Referenten stellen uns ihre Religion und ihre Gotteshäuser vor.

> Was bedeutet es für Sie, dass jetzt erstmals eine türkischstämmige Frau in Deutschland Ministerin wurde?
Ebrem: Wir nehmen uns selbst als Deutsche war und da ist für mich nur eines wichtig: die Leistung. Da ist es egal, ob
das ein Herr Oettinger oder eine Frau Özkan ist.
Ibis: Mir ist wichtig, was die Leute bewegen.

www.prodialog-ditib.de

Erschienen in der RNZ vom 8. Mai 2010