Streetart von Barbara: „Nehmt das bitte alles nicht so ernst, ich will nur spielen“

Von Götz Münstermann

Heidelberg. Seit mehr als zweieinhalb Jahren macht die anonyme Streetart-Künstlerin „Barbara“ von Heidelberg aus Furore: Sie „verschönert“ Verbotsschilder im öffentlichen Raum, plakatiert Reime und Slogans zu aktuellen politischen Entwicklungen. Und manchmal ist sie einfach nur albern. Aber: Das kommt an. Sie nutzt Facebook und Instagram, um ihre Kunst zu verbreiten. Und dort hat sie inzwischen mehr als 600.000 Fans.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Barbara das Buch „Dieser Befehlston verletzt meine Gefühle“. Für ihre Kunst wurde sie jetzt mit dem renommierten Grimme Online Award ausgezeichnet. Im Interview (hier lesen Sie das erste und hier das zweite Interview) mit der RNZ (wieder in einem anonymen Chat) erzählt sie, warum Heidelberg mittlerweile für sie ein gefährliches Pflaster ist, warum die Anonymität Freiheit und Schutz zugleich bietet, und warum sie lukrative Angebote ablehnt.

Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Grimme Online Award, den Sie aber nicht persönlich angenommen haben. Wie lange halten Sie die Anonymität noch durch?

Ich hab keine Ahnung, wie lange ich das durchhalten kann. Die gewachsene Aufmerksamkeit macht es zumindest nicht einfacher. In Heidelberg klebe ich deswegen schon seit längerem kaum mehr Plakate. Ich versuche eben sehr vorsichtig zu sein und reise fast jede Woche für ein paar Tage in eine andere Stadt, um meine Botschaften zu hinterlassen.

Warum reizt es Sie nicht, endlich auch mal als Mensch den Zuspruch für „Barbara“entgegenzunehmen?

Weil es meine absolute Freiheit untergraben würde. Meine Arbeitsweise lebt unter anderem davon, dass ich Menschen in Gesprächen gerne auf den Zahn fühle, um herauszufinden, was sie beschäftigt. Und ich glaube, dass die Leute mir gegenüber viel voreingenommener wären, wenn sie wüssten, dass ich hinter „Barbara“ stecke. Hinzu kommen dann leider auch Bedrohungen aus der rechten Szene, die dank meiner Anonymität ins Leere laufen. Auf ein Leben mit Polizeischutz hab ich keinen Bock.

Im vergangenen Jahr erzählten Sie mir im Interview, dass Sie sich nur einer einzigen Person über „Barbara“ anvertraut haben. Haben Sie das durchhalten können?

Ja, das ist immer noch so und wird auch hoffentlich so bleiben. Die Person ist meine Schnittstelle für Post und so und hält für mich den Kontakt zu meinem Buchverlag oder zum Beispiel dem Grimme Institut.

Und den Preis verstecken Sie jetzt vor ihren Heidelberger WG-Mitbewohnern im Schrank, weil die ja auch von nichts davon wissen dürfen?

Im Schrank muss immer Platz für Liebhaber sein, aber ich hab einen sicheren Ort dafür.

Kürzlich haben Sie überraschend in einem Berliner Park 100 ihrer Werke ausgestellt – angeblich wurden Sie dort beobachtet und im Berliner „Tagesspiegel“ als Mittvierzigerin mit blond-gelockten Haaren beschrieben. Sind Sie nicht übervorsichtig, um nicht ertappt und erkannt zu werden?

Mit dieser spontanen Ausstellung bin ich ein Risiko eingegangen, aber mir war es wichtig, das einmal auszuprobieren. Der Boxhagener Platz ist ein sehr schöner, sehr belebter Platz mit Liegewiese und Zaun drum herum mitten in Berlin-Friedrichshain. Mittags und abends hängen da sehr viele Leute ab, aber morgens ist es sehr ruhig. Deshalb hab ich meine Plakate dort alle frühmorgens angeklebt – immerhin 100 Stück. Da war ich eine gute Stunde am Machen. Außer zwei Obdachlosen hat mich niemand beobachtet und mit den beiden hab ich mich prima verstanden. Für ein Lächeln, zwei Becher Kaffee, eine Packung Tabak und ein paar belegte Schrippen hab ich einen Verschwiegenheits-Handschlag von den Beiden bekommen. Über die angebliche Personenbeschreibung im „Tagesspiegel“ hab ich herzlich gelacht.

Wie wirkt sich dieses anonyme Auftreten in der Öffentlichkeit auf Sie ganz persönlich aus? Was macht das mit Ihnen?

Die Veränderung hab ich in Heidelberg gespürt. Da einige Leute wissen, dass ich hier viel Zeit verbringe, konnte ich nicht mehr mit gutem Gefühl hier arbeiten. Auch hatte ich Angst davor, von Freunden bei frischer Tat ertappt zu werden. In Berlin oder Hamburg ist das Risiko ungleich kleiner, da interessiert sich erstmal niemand dafür, wer da irgendwo irgendetwas hinklebt. Ansonsten achte ich immer auf einen geeigneten Moment, wenn niemand hinschaut und für den Fall, dass ich dann doch mal erwischt werde, hab ich noch ein Ass im Ärmel, das ich bisher zum Glück nie ziehen musste. Eine universelle Ausrede, die mir sehr glaubhaft erscheint und den Verdacht zerstreuen würde. Ich kann hier aber leider nicht sagen, was das ist, da es sonst nicht mehr funktionieren würde.

Vor zweieinhalb Jahren kannte sie niemand, heute haben Sie bei Facebook und Instagram 460.000 und 163.000 Fans und einen Wikipedia-Eintrag. Wie hat die Popularität ihre Arbeit verändert?

Ich bekomme dadurch viel Feedback und ich finde das sehr wertvoll. Das fließt sicherlich auch in meine Arbeit ein, da ich mich für die Gedanken anderer Menschen interessiere und oftmals darauf abziele, diese zu berühren. Allerdings möchte ich nicht, dass manche Menschen die Botschaften allzu ernst nehmen. Neulich hab ich gelesen, ich wäre eine moralische Instanz und müsste als solche dieses und jenes und so. Ich bin nur eine Plakatekleberin, die ihre Meinung spielerisch ausdrückt, nicht mehr. Um etwas Lockerheitreinzubringen, streue ich gerne auch mal Flachwitze ohne irgendwelchen politischen oder sozialkritischen Hintergrund. Ich möchte damit sagen: „Nehmt das bitte alles nicht so ernst. Ich will doch nur spielen.“

Mein Eindruck ist: Sie „verschönern“ etwas weniger Verbotsschilder im öffentlichen Raum und agieren mehr mit Aussagen auf Plakaten. Warum?

Ich gehe nicht nach einem bestimmten Konzept vor, sondern lasse mich eher treiben. In letzter Zeit hatte ich viel Freude am Dichten und Reimen und war auch gerne mal im Supermarkt auf der Suche nach Dingen, zu denen ich was zu sagen hab. Das kann sich alles jederzeit wieder ändern. Und wenn mir ein Verbotsschild in die Augen sticht, dann mache ich auch was daraus. Aber gerade im vergangenen Jahr war vor allem im Internet der Grad an rassistischer und ausländerfeindlicher Hetze so groß, dass ich dem unbedingt einiges entgegenstellen wollte. Da hätte mich der Fokus auf Verkehrsschilder zu sehr eingeschränkt.

Sie haben von Drohungen von Rechts gegen Sie gesprochen. Wie gehen Sie damit um?

Ich bin ein winzig kleiner Teil einer großen Bewegung von Menschen, die sich all diesem Hass entgegenstellen und für ein tolerantes und weltoffenes Land einstehen. Deswegen betrifft mich das überhaupt nicht alleine. Ich bin mir sicher, dass eine große Anzahl an Menschen, die sich öffentlich gegen rechte Hetze ausgesprochen haben, dafür auch mehr oder weniger ernstzunehmende Drohungen erhalten haben. Da schlägt einem manchmal der blanke Hass entgegen. Aber ich möchte auch deutlich sagen, dass es sich zumindest bei mir um Einzelfälle handelt und dass ich viel Zuspruch bekomme.

Vor einem Jahr haben Sie Ihr erstes Buch herausgebracht. War es ein Erfolg für Sie? Wird es ein Nachfolgeprojekt geben?

Vor kurzem wurde die vierte Auflage gedruckt. Wie groß die Auflagen sind weiß ich gar nicht, da müssten Sie beim Verlag nachfragen. Aber ich glaube, es läuft ganz gut. Ich habe viele schöne Rückmeldungen bekommen. Ich persönlich bin absolut glücklich mit dem Buch, deshalb wird im Oktober auch ein zweites Buch erscheinen. Es trägt den Titel: „Hass ist krass. Liebe ist krasser.“ und knüpft ziemlich nahtlos an „Dieser Befehlston verletzt meine Gefühle.“ an, obwohl es inhaltlich wohl noch etwas politischer sein wird.

Ist das ein Schritt in die Richtung, dass Sie vielleicht mal irgendwann von „Barbara“ leben können?

Ich habe im letzten Jahr viele Angebote bekommen, mit denen ich einiges mehr an Geld hätte verdienen können, als mit einem Buch. Aber ich habe alles abgelehnt, ich möchte mich nicht für Dinge verkaufen, hinter denen ich nicht stehen kann. Das war und ist auch nicht mein Ziel. Ein Buch jedoch ist eine super Sache, ich liebe Bücher. Darauf habe ich Lust und ich bin auch immer offen für Projekte und Aktionen, die ich sinnvoll finde. Aber ich möchte mich nicht davon abhängig machen. Meinen Lebensunterhalt bestreite ich auf andere Weise und ich lebe ohnehin recht bescheiden ohne Auto und so. Da brauch ich nicht viel Geld, um überleben zu können.

Wenn für Sie in Heidelberg eine Ausstellung organisiert würde, welcher Ort wäre Ihnen am Liebsten: Die Villa Nachttanz, die Halle02 oder die Sammlung Prinzhorn?

Am liebsten wäre mir eine Ausstellung in einer Unterkunft für Geflüchtete. Wenn sich da zu einer Ausstellungseröffnung Einheimische und Geflüchtete vor meinen Bildern treffen würden und die Einheimischen den Geflüchteten die kurzen Texte meiner Bilder übersetzen würden, und dann im Optimalfall die Menschen gemeinsam darüber lachen würden, dann wäre ich überglücklich.

Aber welche Location von den drei genannten würden Sie zusätzlich bevorzugen?

Es fällt mir schwer, das zu beantworten, da ich alle drei mag, aber im Moment keine Ausstellung plane. Das mit der Flüchtlingsunterkunft würde mir aber wirklich gefallen.

Und eine Open-Air-Ausstellung: Lieber auf der Neckarwiese, am NeuenheimerWerderplatz oder in der Bahnstadt?

Wenn ich diese Frage ehrlich beantworten würde, nähme ich mir die Möglichkeit, eine eventuelle Open-Air-Ausstellung genau dort aufzubauen. Dort würde ich ja dann am ehesten erwartet, wenn ich die Ausstellung am Vortag ankündige, wie bei der Ausstellung in Berlin.

Welcher Stadtteil Heidelbergs hat Ihre Arbeit am bittersten nötig? Warum?

Ich möchte mir nicht anmaßen zu behaupten, dass irgendjemand meine Arbeit nötig hätte. Außerdem bin ich in Heidelberg zu Gast und möchte an meiner Gastgeberin nicht rummeckern. Ich fühle mich sehr wohl hier, Heidelberg ist auf meinen Reisen durch Deutschland immer wieder ein Ruhepol und die Menschen sind sehr freundlich hier. In Kreuzberg herrscht definitiv ein deutlich rauerer Ton.

Und in Mannheim?

In Mannheim hatte ich zu Beginn im Jungbusch und in der Neckarstadt am meisten Spaß, da hab ich mich fast wie in Berlin gefühlt, aber in letzter Zeit bin ich öfters im Norden Mannheims unterwegs, da die AfD da bei den letzten Wahlen als stärkste Kraft gewonnen hat. Das hat mich beschäftigt, weil ich Mannheim gerade für das multikulturelle Zusammenleben der Menschen so sehr schätze.

erschienen auf www.rnz.de am 9. Juli 2016


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