#Streetart von „Barbara“: „Es ist wunderbar und schrecklich zugleich“

Von Götz Münstermann

Heidelberg. Seit mehr als einem Jahr verbreitet die Streetart-Künstlerin „Barbara“ von Heidelberg aus ihre Kunst – im Schutze der Anonymität. Nur eine weitere Person weiß, was die gebürtige Berlinerin in ihrer Freizeit macht. Und sie hat Erfolg mit ihrer Verschönerung des öffentlichen Raums, bei der sie Plätze, Straßenschilder, Aufkleber und Verbotsschilder in ihrem Sinne umwandelt. Auf Facebook verfolgen über derzeit 111.000 Menschen ihr beinahe täglichen Bild-Text-Kompositionen.

Vor einem Jahr waren es gerade einmal 17.000 (hier unser Interview vom Mai 2014). Jetzt erscheint das erste Buch von Barbara: „Dieser Befehlston verletzt meine Gefühle – Ich (k)lebe, also bin ich“ bei Bastei-Lübbe (12,99 Euro). Weil sie ihre Identität nicht preisgeben will, spricht „Barbara“ via Facebook-Chat über ihr Buch, ihren Erfolg und warum sie sich in Heidelberg beobachtet fühlt.

Sie machen Kunst auf der Straße, verbreiten diese via Facebook. Warum jetzt ein Buch?

Ich liebe Bücher und habe mich sehr über die Anfrage des Verlags gefreut. Entgegen der flüchtigen Lebensdauer meiner Arbeit auf der Straße oder der Verbreitung im Internet ist ein Buch eine handfeste und beständige Sache.

Also kam der Verlag auf Sie zu?

Ja, ich wurde über meine Facebook-Seite kontaktiert.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Motive für das Buch ausgewählt. Ging es darum, was die meisten Likes auf Facebook hat?

Nein, ich habe mich für eine Auswahl meiner Lieblingsmotive entschieden.

Warum hat das Feedback der Nutzer keine Rolle gespielt?

In erster Linie muss ich mit der Auswahl der Fotos zufrieden sein, aber natürlich spielt auch das Feedback eine Rolle. Jedoch möchte ich eine Auswahl nicht an der schnöden Anzahl von Likes abhängig machen.

Wie machen Sie das eigentlich mit dem Autoren-Honorar? Haben Sie ein Nummern-Konto in der Schweiz? Oder haben Sie gegenüber dem Verlag Ihre Anonymität aufgegeben?

Der Verlag weiß nicht wer ich bin, ich habe einen doppelten Boden mit geheimer Hintertür eingebaut. Der Verlag war sehr mutig und hat mir viel Vertrauen entgegengebracht.

Apropos Anonymität: Wissen Ihre Familie und Freunde mittlerweile, was Sie als „Barbara“ so machen?

Es gibt genau eine Person, der ich mich anvertraut habe. Ansonsten weiß niemand, auch nicht in meiner Familie, das ich „Barbara“ bin und was ich da so mache.

Sie haben in den letzten zwölf Monaten Ihre Popularität vervielfacht – es sogar in die ARD-Tagesthemen (hier der Beitrag) geschafft. Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt?

Es ist wunderbar und schrecklich zugleich. Es ist nicht so einfach, als kleine, dahergelaufene Plakate-Kleberin zu wissen, dass die eigene Arbeit in den Tagesthemen besprochen wird und darüber mit niemandem reden zu können – nicht einmal mit meinen Eltern oder besten Freunden. Am nächsten Tag so zu tun, als wäre nichts gewesen, um keinen Verdacht zu erwecken, ist nicht ganz einfach. Aber bisher hab ich es geschafft.

Was fühlen Sie, wenn mehrere Tausend Leute Ihre Kunst bei Facebook „liken“?

Ich weiß es sehr zu schätzen, dass meine Arbeit anderen Menschen etwas bedeutet. Allerdings möchte ich mich nicht auf die Anzahl von Likes fokussieren. Letztendlich sind das doch nur Zahlen, auch wenn hinter diesen Zahlen echte Menschen stecken. Das beste Gefühl ist und bleibt der Moment, indem ich eine neue Idee für eine Aktion habe. Ich liebe es, diese Ideen in die Tat umzusetzen.

Welche Aktionen kommen eigentlich besser an: Kommentare zu aktuellen Ereignissen oder allgemeine Statements?

Ich glaube, das ist mal so und mal so. Kommentare zu aktuellen Ereignissen bringen immer eine gewisse Dynamik mit sich. Aber ich möchte deshalb nicht auf jeder Welle reiten. Die Menschen reagieren zunehmend hysterisch auf manche aktuelle Geschehnisse und ich möchte kein Öl ins Feuer gießen, außer das Thema berührt mich wirklich.

Nicht jedem gefallen Ihre Aktionen. Wie gehen Sie auf Ihrer Facebook-Seite mit Hatern und Trollen um? Einfach löschen?

Es gibt nichts auf dieser Welt, das jedem gefällt. Hater und Trolle gehören im Internet dazu, es wäre seltsam, wenn das ausgerechnet bei mir nicht so wäre.

Aber wie gehen Sie konkret mit Ihnen um? Antworten Sie? Lassen Sie das einfach unkommentiert stehen? Oder hoffen Sie, dass die Community reagiert?

Antworten wäre „den Troll füttern“. Mit jemandem, dessen Motivation der Hass ist, lohnt es sich nicht, im Netz zu diskutieren. Da müssen Sozialpädagogen ran, das kann ich nicht leisten. Die Community regelt das in den allermeisten Fällen von ganz alleine und die allermeisten Kommentare sind entweder freundlich oder konstruktiv kritisch und das ist auch gut so.

Wie hat sich Ihr Aktionsradius in den letzten Monaten verändert? Sie kleben ja nicht nur in Heidelberg.

Ich bin viel unterwegs und werde immer dann aktiv, wenn ich eine Idee für eine Aktion habe, egal in welcher Stadt ich gerade bin. Neben Heidelberg und Berlin bin ich auch viel in Mannheim aktiv, da fühle ich mich weniger beobachtet als in Heidelberg.

Warum fühlen Sie sich in Heidelberg beobachtet?

Heidelberg ist nicht so besonders groß und mittlerweile wissen viele, dass es eine Barbara gibt, die heimlich klebt. Ich bekomme viele Nachrichten von Heidelbergern, die mir berichten, dass sie immer die Augen offen halten, ob sie mich mal in Aktion sehen. In Mannheim habe ich das Gefühl, etwas unbeobachteter agieren zu können.

Ich kenne niemanden in Heidelberg, der ihre Kunst außerhalb von Facebook gesehen, also in der Stadt entdeckt, hat. Hängen Sie Ihre Kunst gleich wieder ab?

Nein, die lasse ich natürlich hängen. Ich bekomme auch immer wieder Fotos von Leuten zugeschickt, die etwas von mir gefunden haben. Aber die meisten Sachen von mir sind eben aus Papier und ich befestige sie immer so, dass sie ganz leicht wieder abzunehmen sind, weil ich keine Sachbeschädigung verursachen möchte. Deshalb ist die Lebensdauer meistens sehr kurz. Von den meisten meiner Aktionen gibt es auch nur eine Version, das heißt, ich klebe den selben Spruch immer nur einmal und nicht wie die meisten anderen in mehrfacher, teilweise hundertfacher Ausfertigung. Außerdem sind meine Eingriffe in den öffentlichen Raum sehr klein und können leicht übersehen werden. Im Internet sind Fotos zu sehen, wo der Fokus genau auf meine Zettel gerichtet ist, da wirkt das deutlich größer und auffälliger.

Apropos Heidelberg: Haben Sie sich eingelebt?

Als ich hier angekommen bin, hätte ich nicht gedacht, wie vielschichtig Heidelberg ist. Hinter der Fassade, die für die Touristen aufgeklappt ist, gibt es hier ein sehr dynamisches Leben, viel politisches Engagement und eine wunderbare alternative Szene. Abgesehen davon ist Heidelberg natürlich eine wunderschöne Stadt, wenn mir auch manchmal der Dreck der Berliner Straßen fehlt. Aber den finde ich dafür in der Nachbarstadt Mannheim.

Das geht noch mehr Leuten hier so. Letzte Frage: Stehen Sie in Kontakt mit anderen Künstlern oder sind sie auch in der Streetart-Szene Einzelkämpferin?

Es gibt Kontakte, trotzdem bin ich eine Einzelkleberin. Ein Kampf ist meine Arbeit nicht, kleben macht mich glücklich.

 

erschienen auf www.rnz.de am 18. April 2015