Protestanten müssen sich im Verzicht üben

Die evangelische Kirche Heidelbergs will in den kommenden sechs Jahren ein Drittel ihrer 76 Gebäude verkaufen. Nur so sieht sie sich in der Lage, langfristig keine roten Zahlen mehr zu schreiben. „Für die evangelische Kirche ist das die größte Herausforderung seit 40 Jahren“, sagt Dekanin Marlene Schwöbel. Heidelbergs Protestanten stehen schwierige Wochen und Monate bevor.

Die Finanzsituation der Stadtkirche ist so prekär, dass sie sich nur noch mit Immobilienverkäufen zu helfen weiß. Derzeit hat die Kirche jährlich ein Defizit von 1,1 Millionen Euro – bei einem Budget von 15 Millionen. „Die Leute denken immer, die Kirche sei reich“, meint Schwöbel, das sei nicht der Fall. Die Zahl der Kirchenmitglieder und damit die Kirchensteuereinnahmen sinken, eine Trendwende ist nicht in Sicht. Dazu zahlt die Landeskirche weniger Geld für genutzte Räume: je größer ein Raum, desto mehr zahlen die Gemeinden vor Ort drauf.

Probleme machen aber vor allem die alten und sanierungsbedürftigen Gebäude. Die Protestanten haben nicht genug Geld für deren Unterhalt. Derzeit sei man gerade einmal noch für zwei Jahre „flüssig“, so Schwöbel. Würde bis dahin nichts passieren, müsste die Kirche eigentlich Insolvenz anmelden, wäre sie ein Unternehmen und keine öffentliche Körperschaft. „Das darf ich nicht zulassen“, so Schwöbel, die vor zwei Jahren ihr Amt antrat, „das müssen die Gemeinden verstehen.“

Dass es soweit kam, das erklärt Hans-Peter Lange, Mitglied im Strukturausschuss der Synode, mit den Versäumnissen der Vergangenheit. Eigentlich hätten in den vergangenen sechs bis acht Jahren Rücklagen gebildet werden müssen. Jetzt versucht die Stadtsynode mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme in einem „Strategiepapier“ den Befreiungsschlag. Die Landeskirche verlangt, dass ein Drittel der 76 Kirchengebäude in der Stadt in den kommenden sechs Jahren verkauft werden. Dekanin Schwöbel hofft so, 15 Millionen Euro einzunehmen. Elf davon sollen wieder investiert werden, vier in die Rücklage kommen. Ziel sei, dass man wieder genügend Geld für die „inhaltliche Arbeit“ habe.

Damit es soweit kommt, sollen sich die Kirchengemeinden Gedanken machen, auf welche Räume und Gebäude sie verzichten können. Der Leitgedanke dabei sei das „Loslassen“, nicht das „Festhalten“, heißt es im Strategiepapier. Verkauft werden sollen neben Mietshäusern in Bergheim und Neuenheim, beispielweise auch baulich marode Gemeindezentren in Boxberg, Emmertsgrund, Rohrbach-West, das Hermann-Maas-Haus in Kirchheim, das Gemeindehaus in der Weststädter Zähringerstraße und ein Kindergartengebäude in Schlierbach.

Unangenehmer Nebeneffekt der Immobilienverkäufe wäre, dass Gemeindeund soziale Angebote wie Kinderbetreuung und offene Jugendarbeit, ein neues Dach über dem Kopf brauchen. Die Kirche wolle nur noch die „Software“ liefern, erklärt Lange, die „Hardware“ – also die Räume – nur noch anmieten. Doch das kann in letzter Konsequenz bedeuten: Wenn ein Gebäude nicht mehr verkehrssicher ist und kein Ersatz gefunden wird, stehen soziale Angebote auf der Kippe. Deswegen hoffen die protestantischen Sanierer einerseits auf private Investoren – nochmehr aber auf die Kommune, für die sie soziale Aufgaben wahrnimmt. „Wir brauchen Hilfe von der Stadt“, sagt Dekanin Schwöbel, die zugibt, dass der Kirche das Wasser nicht bis zum Halse, sondern „Oberkante Unterlippe“ stehe.

Sozialbürgermeister Joachim Gerner gibt sich gesprächsbereit, sagt aber auch: Wer öffentliche Aufgaben wie Kinderbetreuung übernehme, „der muss auch Verantwortung übernehmen“. Er erwarte, dass die Kirche auch „mit der nicht ganz armen Evangelischen Pflege Schönau“ und der Stadtmission rede – „es muss nicht immer die Stadt sein“, so Gerner. Die Kirche und die ihr verbundenen Organisationen müssten sagen, was sie aus eigener Kraft leisten können. Dann könne man ein gemeinsames Paket schnüren. „Ohne die evangelische Kirche geht es nicht“, so Gerner.

RNZ vom 20. Januar 2010