Open Data: Wie kann Heidelberg den riesigen Schatz heben?

Von Götz Münstermann

Heidelberg besitzt einen Schatz: Riesenmengen an Daten über das Leben in der Stadt. Doch weder die Rathaus-Mitarbeiter noch die Heidelberger können diesen Schatz bislang heben. Dabei haben sie ihn mit ihren Steuergeldern bezahlt. Das könnte sich ändern, wie sich beim Gespräch über Open Data (offene Daten) mit Oberbürgermeister Eckart Würzner am Donnerstag bei „Hol den OB“ zeigte.

Ein Rollstuhlfahrer oder ein Senior mit Rollator will durch die Stadt. Doch wo sind abgesenkte Bürgersteige? Oder barrierefreie Toiletten? Wie kommt ein Mensch mit Handicap am besten von Bergheim ins Neuenheimer Feld? Nicht über den Wehrsteg, dort sind Stufen, weiß Melanie Eckle, Master-Studentin vom Geografischen Institut der Uni Heidelberg. Hätten sie und ihre Mitstreiter im Projekt „Cap4Access“ die Informationen über die Wege in der Stadt, dann könnten sie der Allgemeinheit einen barrierefreien Routenplaner zur Verfügung stellen. Dieses Projekt läuft derzeit in London, Wien, Elche (Spanien) und Heidelberg.

Doch so viele Daten in der Heidelberger Stadtverwaltung auch gesammelt werden: Es hapert an allen Ecken und Enden, wenn es um die weitere Verwendung geht. Weder gibt es einen Überblick, wo welche Informationen in welcher Form erfasst sind. Noch, wie man sie Bürgern, Projekten oder auch Unternehmen zugänglich machen könnte. „Wir haben unzählige Daten in Gutachten auf der Heidelberg-Website“, sagt Würzner, „das ist alles öffentlich, aber sie sind nicht maschinenlesbar.“ Diese Informationen könnte man nutzen, um neues Wissen für alle daraus zu generieren. „Daten, die mit Steuergeldern erhoben wurden, gehören den Bürgern“, sagt das Stadtoberhaupt.

Oliver Rack, der mit Open Data Rhein-Neckar das Gespräch mit Würzner initiiert hat, hört das gerne. Er setzt sich unter anderem in Mannheim dafür ein, dass für eine „digitale Daseinsvorsorge“ der Daten-Rohstoff genutzt wird. „Die Daten sind da, das Web ist da“, sagt er, „hier kann man eine Wertschöpfung für andere möglich machen.“ Ein Beispiel aus der alten Welt: Ein Mitarbeiter der Metropolregion hat für Spediteure eine Karte erstellt, welche Brücken in Rhein-Neckar wie hoch belastbar sind. So können Schwerlastfahrzeuge kürzere Wege fahren, Geld sparen und die Umwelt weniger belasten. Doch dafür musste er alle Gemeinden abtelefonieren, weil es keine allgemein zugänglichen und verwertbaren digitalisierten Informationen gibt, erzählt Rack.

Für Würzner Herzensprojekt, die nachhaltige „Smart City“, sind aber gerade solche Anwendungen ein Schritt in die richtige Richtung: Wie kann durch die Auswertung der Daten dafür gesorgt werden, dass beispielsweise durch intelligentere Verkehrskonzepte weniger Energie verbraucht, weniger Schadstoffe ausgestoßen und der Service für die Kunden verbessert wird?

Doch wo soll man im Rathaus anfangen, welche Informationen wann und wie freigeben? Würzner sieht seine Stadtverwaltung als einen „Riesentanker“, der nicht von jetzt auf nachher in eine neue Richtung steuern kann. „Wir brauchen Strukturen, mit denen wir die Mitarbeiter mitnehmen“, so der OB, dass sie beispielsweise schon beim Erfassen von Fußgängerwegen mitdenken, wie diese Informationen digitalisiert und öffentlich gemacht werden. Darum soll sich zukünftig Nicole Huber kümmern: Bei der Leiterin des OB-Referates wird die Abteilung „Digitale Zukunft“ als Querschnittsthema angesiedelt. Ein bis zwei (bislang nicht besetzte) Stellen seien notwendig, um die Themen Breitband-Ausbau, offene W-Lan-Netze oder auch Open Data in die Rathausämter zu tragen, sagt Huber.

Was Würzner am liebsten hätte: Einen Plan, wie die Digitalisierung in allen Büros der Stadtverwaltung ankommt. Doch das könnte dauern und war den rund 25 Teilnehmer des Open-Data-Gespräches dann doch ein bisschen lang. „Es geht darum, einfach mal anzufangen“, findet Racke. Und Dr. Michael Winkler vom Institut für Wissenschaftliches Rechnen der Uni Heidelberg wünscht sich, einen Dialog auf Arbeitsebene anzustoßen. Sein Ansatz: Ab dem kommenden Schuljahr wird Informatik in den 7. Klassen der Gymnasien Pflichtfach. Dafür wird Lehrmaterial erarbeitet. Hätten die Schüler nicht mehr Spaß daran, wenn sie Daten aus ihrer direkten Umgebung bearbeiten könnten, statt die Ergebnisse der Bundestagswahlen seit 1949? Würzner sagt diese Idee zu. So erfasse das Forstamt alle 37.000 Bäume in der Stadt, erzählt er, wegen der Versicherungspflicht muss auf Astbruch kontrolliert werden. Gleichzeitig habe man Daten über den Chlorophyll-Wert in den Bäumen durch Luftaufnahmen, um herauszufinden, wie stark die Sauerstoffproduktion jeweils in welchem Gebiet ist. Mit solch unterschiedlichen Informationen könnte außerhalb der Stadtverwaltung neues Wissen durch Computerprogramme geschaffen werden. Und sei es nur, dass die Schüler durch selbst geschriebene Programme herausfinden, wie „grün“ ihr Stadtteil sei, so Winkler.

Zumindest für kleinere, offenbar machbare Projekte wird es ein Gespräch demnächst im Rathaus geben, verspricht Würzner. Letztendlich muss aber die ganze Stadtverwaltung auf die „digitale Zukunft“ vorbereitet werden. „Wir müssen Heidelberg und die Region fit machen – aber das sind wir noch nicht“, sagt das Stadtoberhaupt, „trotz SAP, SAS und der Forschungsinstitute.“

erschienen auf www.rnz.de am 19. Dezember 2015