#OBwahlHD: Warum Würzner die Wahl gewinnen musste

Lassen wir die Zahlen sprechen, die öffentlich zugänglich sind. Schaut man auf das, was die Statistiker so veröffentlicht haben, hat Eckart Würzner bei der Heidelberger Oberbürgermeisterwahl 2014

1. ganz gut abgeschnitten
und
2. musste er schlicht die Wahl gewinnen – gleich ob mit oder ohne Gegenkandidaten des oppositionellen Lagers.

Würzner hat im Wahlgang am 19. Oktober 2014 von 18.431 Wählern eine Stimme erhalten. (Hier sind die vom Wahlausschuss veröffentlichten Zahlen) Das sind 84,4 Prozent der 21.827 gültigen Stimmen. Okay, jetzt bekommt er zum Vorwurf gemacht, dass nur 21,8 Prozent der 106.277 Heidelberger Wahlbürger überhaupt wählen gingen. Nur lag die schlechte Wahlbeteiligung an ihm? Ist es eine angebliche „Ohrfeige“ für den Amtsinhaber, dass nur 17,3 Prozent der 106.277 Wahlberechtigten für ihn stimmten? Man kann es auch so sehen: Würzner hat es geschafft, in einem langweiligen und alles andere als polarisierten Wahlkampf wie anno 2006 sein Wählerpotenzial zu mobilisieren – und dass die „andere Seite“ nichts auf die Kette bekommt, kann man ihm wohl kaum anlasten.

Vor acht Jahren bekam Würzner im zweiten Wahlgang am 12. November 2006 die Stimmen von 23.635 Heidelbergern. Mit seinem 2014er-Ergebnis hat er demnach fast 78 Prozent seiner Wählerschaft von vor 8 Jahren für sich mobilisieren können. Stimmt, das war mit der Gegenkandidatin Caja Thimm ein äußerst zugespitzter zweiter Wahlgang. Nimmt man sein Ergebnis aus dem ersten Wahlgang 2006 (als es auch noch einen SPD-Kandidaten namens Jürgen Dieter gab) als Maßstab, hat er sogar fast 87 Prozent seines damaligen Wählerpotentials (21.286 Stimmen im ersten Wahlgang) bei der diesjährigen OB-Wahl ausgeschöpft. (Einziger Haken bei dieser Rechnung ist, dass es 2014 rund 9.000 Wahlberechtigte mehr gab als 2006.) Blickt man auf diese Zahlen, dann relativieren sich Kommentare zu seinem angeblich schlechten Abschneiden und der wirklich miesen Wahlbeteiligung (auch wenn ich finde, ein wenig Demut statt Hurrahurra hätte dem Gewinner gut getan).

 

Doch unabhängig von diesem Wahlausgang und der Wahlbeteiligung glaube ich, dass nur Würzner im Jahr 2014 (wieder) gewählt werden konnte – egal ob mit oder ohne „aussichtsreichen“ Gegenkandidaten. Zu diesem Schluss komme ich dank der letzten Heidelberg-Studie des Sinus-Instituts aus dem Jahre 2012, die für die Stadtverwaltung erstellt wurden. (Sinus erfasst mit seinen Untersuchungen nicht nur die soziale Lage des Einzelnen, sondern fragt auch Lebensstil und Werteorientierungen ab – hier ist eine anschauliche Definition der Sinus-Milieus zu finden.)

Nach der aktuellsten Heidelberg-Studie (2012) ist die Heidelberger Bevölkerung mehrheitlich mit seiner Arbeit zu zufrieden – gerade einmal 24 Prozent schütteln bei Würzners Bilanz mit dem Kopf.

Die Heidelberger sind zu 54 Prozent mit Würzners Wirken einverstanden. Quelle: Heidelberg-Studie
Die Heidelberger sind zu 54 Prozent mit Würzners Wirken einverstanden. Quelle: Heidelberg-Studie

 

 

Die Ergebnisse zur Beliebtheit des Stadtoberhauptes (auf S. 17 der Studie) liegen zwar unter denen seiner Vorgängerin Beate Weber – aber die war zum Zeitpunkt der angeführten Umfragen schon 13 und 16 Jahre in Amt und Würden, die Kämpfe der Vergangenheit waren weitgehend ausgefochten.

 

Die Zufriedenheit der Befragten mit ihrem Heidelberger OB - Quelle: Heidelberg-Studie
Die Zufriedenheit der Befragten mit ihrem Heidelberger OB – Quelle: Heidelberg-Studie

Schaut man sich die Werte in den einzelnen Sinus-Milieus für Heidelberg an, dann schneidet der Amtsinhaber fast durchweg „okay“ ab. Nur in drei Milieus hat er Werte weit unter den durchschnittlichen 54 Prozent.

 

So schneidet Würzner in den Sinus-Milieus in Heidelberg ab. Quelle: Heidelberg-Studie
So schneidet Würzner in den Sinus-Milieus in Heidelberg ab. Quelle: Heidelberg-Studie

 

Diese Zustimmungsraten werden erst dann so richtig interessant, wenn man sich anschaut, wie die Sinus-Milieus in Heidelberg verteilt sind:

Die Sinus-Milieus in Heidelberg. Braun sind die im Deutschland-Vergleich überrepräsentierten Gruppen, weiss die im Vergleich unterrepräsentierten Milieus. Quelle: Heidelberg-Studie
Die Sinus-Milieus in Heidelberg. Braun sind die im Deutschland-Vergleich überrepräsentierten Gruppen, weiss die im Vergleich unterrepräsentierten Milieus. Quelle: Heidelberg-Studie

 

 

Überträgt man die Verteilung der Sinus-Milieus auf die Heidelberger Wahlberechtigten, so kommt man auf gerade einmal etwa 25.000 potenzielle Wähler, in deren Gruppe Würzner nicht die Mehrheit hatte. Nämlich bei den „Sozialökologischen“ (15 Prozent der Heidelberger, 44 Prozent Würzner-Zustimmung) , „Hedonisten“ (8 Prozent der Heidelberger, 45 Prozent Würzner-Zustimmung) und den „Prekären“ (1 Prozent der Heidelberger und nur 22 Prozent Würzner-Zustimmung). Hingegen sind 67 Prozent der Bevölkerung Milieus zuzuordnen, in denen Würzner auf 50 Prozent plus X an Zustimmung kommt, bei einem weiteren Milieu annähern 50 Prozent.

 

Wo ist der Haken? Richtig, kein Milieu wählt geschlossen nur eine Partei und/oder nur einen Kandidaten – wie dieser etwas ältere Artikel zur Parteipräferenz der Sinus-Milieus aus dem Stern zeigt. Und auch macht nicht jeder von seinem Wahlrecht Gebrauch. Aber das sind doch für Würzner starke Zustimmungswerte in den meisten Sinus-Milieus Heidelbergs, die man erst einmal verspielen müsste.

15 Monate vor dem Wahlgang hatte Würzner im Sommer 2012 einen gewaltigen Amtsbonus aufzuweisen und es zeichnete sich keine Unzufriedenheit ab, die auf irgendeine Wechselstimmung schließen ließe. Ich glaube, kein noch so ambitionierter oder prominenter Gegenkandidat hätte den Wahlausgang 2014 entscheidend verändert – allenfalls einen zweiten Wahlgang notwendig gemacht. Mit viel Harmonie und ohne Fehler zu machen konnte Würzner seine Zustimmungswerte gar nicht anders als in einen Wahlsieg verwandeln – zumal er Konfliktthemen in den letzten beiden Jahren vermieden hat (und das Scheitern des Stadthallen-Ausbaus war auch irgendwie sein Glück). Ob ein Gegenkandidat Würzner zu Fehlern verleitet hätte? In Anbetracht seines präsidialen Auftretens als „Oberbürgermeister für alle“ (nicht umsonst waren seine Wahlkampffarben konservatives Blau, sozialdemokratisches Lila und grünes Grün) hätte da schon viel passieren, um in Fallen zu tappen und diese Zustimmungswerte zu verspielen. Ein Gegenkandidat hätte mindestens einmal einen ebenso so großen Bekanntheitsgrad haben müssen, um es mit Würzner aufzunehmen – von Zustimmung erst gar nicht zu reden. Mir ist da jedenfalls keiner bekannt.

Zuviel der Kaffeesatzleserei? Lieg ich daneben?


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