Mona Lisa lächelt auch dazu geheimnisvoll

Wurde Armin Schlechter, der Hinweise auf Da Vincis Gemälde entdeckte, degradiert? Oder ist er nur Teil einer Organisationsanpassung?

Von Götz Münstermann
Wenn der „Codex Manesse“ auf Reisen ging, dann war Dr. Armin Schlechter dabei. Wenn die bibliophilen Schätze aus dem Tresor der ältesten deutschen Universitätsbibliothek präsentiert wurden, erklärte er die Zusammenhänge. Der Hinweis auf die Herkunft der berühmten Mona Lisa am Rande eines Druckes aus dem Jahre 1477 wurde von ihm gefunden, als er Leiter der Abteilung Handschriften und alte Drucke der Heidelberger Universitätsbibliothek (UB) war. Dieser Funktion wurde er Ende November 2007 enthoben. Dass der anerkannte Philologe und Bibliothekar jetzt die frisch gekürte Elite-Uni verlässt, entsetzt offenbar nur die Fachwelt – für die Hochschulverwaltung handelt es sich um einen normalen Vorgang.
Am 30. November musste Schlechter, auf Weisung von UB-Direktor Dr. Veit Probst seine Leitungsaufgaben und Tresorschlüssel abgeben sowie sein Büro räumen. Das war für den Bibliotheksoberrat eine „demütigende Degradierung“: „Ich bin da gelandet, wo ich 1991 angefangen habe.“ Damals arbeitete er bei der Badischen Landesbibliothek, 1996 kam er nach Heidelberg. UB-Direktor Probst und Vizekanzlerin Senni Hundt sprechen von einer „Organisationsanpassung“, wie sie immer wieder vorkomme und nicht unüblich sei. Es handele sich keinesfalls um eine „Strafversetzung“ (Hundt), sondern um einen „ganz normalen Vorgang“ (Probst). Dabei wurde eine Mitarbeiterin Schlechters zu seiner Vorgesetzten, der ehemalige Abteilungsleiter ist nun an ihre Weisungen gebunden. „Das ist keine Abstufung oder Versetzung“, sagt Personalreferentin Hundt. Sowohl Probst wie Hundt betonen, dass beamtenrechtlich alles korrekt war und das Rektorat unter Prof. Bernhard Eitel „die Maßnahme als rechtmäßig“ ansieht. Die wissenschaftliche Arbeit Schlechters ziehe man keinesfalls in Zweifel, heißt es von Uni-Seite. Über alles andere müsse man schweigen.
Für Schlechter ist das, was hier passiert, Rufschädigung. Man werfe ihm vor, er sei seinen Aufgaben nicht nachgekommen. Dabei habe man immer mehr den Druck auf ihn erhöht: „Man hat mich mit der zunehmenden Arbeit allein gelassen.“ Er sieht aber auch einen grundsätzlichen Konflikt: Er verstehe seine Arbeit auch als Kulturarbeit, es gehe darum, die „hervorragenden Bestände“ zu konservieren, damit zu arbeiten und auf dem Campus zu vermitteln. Dazu gehöre auch, Ausstellungen zu organisieren, Vorträge zu halten und bei Bedarf auf die Öffentlichkeit zuzugehen. Dagegen stehe die Auffassung, dass eine Unibibliothek allein Dienstleistungszentrum zu sein habe.
Auf die Frage, ob Schlechters Weggang ein Verlust sei, antwortet UB-Direktor Probst, dass der Landesrechnungshof die Heidelberger Universitätsbibliothek als die effizienteste im Land bewerte. Er verweist
auf motivierte Mitarbeiter und ein fehlendes „Alleinstellungsmerkmal“ von Armin Schlechter. Im Übrigen: Dass Beamte im höheren Dienst sich versetzen ließen, das sei nicht unüblich. Etwas anders bewertet die Fachwelt
die Vorgänge: Geschichtsemeritus Prof. EikeWolgast bezeichnet Schlechter als einen „durch und durch gediegenen Wissenschaftler“, durch dessen Weggang „verlieren wir viele Anregungen, wir wissen ja nicht mit den Beständen umzugehen“. Prof. Reinhard Düchting, Mittellatein-Emeritus und vom Freundeskreis des Uni-Archivs, ist „empört, tief traurig und eigentlich recht sprachlos“ über die Vorgänge in der UB. Er sieht Schlechter in der Nachfolge großer Bibliothekare des 20. Jahrhunderts.
Auch international machte Schlechters Fall die Runde: Mehr als 30 Fachleute, darunter von Universitäten wie Harvard oder Princeton, halten die „drastische Entscheidung für nicht nachvollziehbar“. Dr. Bettina Wagner von der Bayerischen Staatsbibliothek hält dieses Vorgehen ohne öffentliche Erklärung „auf jeden Fall für rufschädigend“. Der Bitte, den „Fall Schlechter“ durch „eine unabhängige und fachkundige Instanz“ prüfen zu lassen, wird Rektor Eitel offenbar nicht entsprechen. Er hat auch nicht das Schreiben der Wissenschaftler beantwortet, die sich um die berufliche Existenz ihres 47-jährigen Kollegen sorgen.
Schlechter hat die Konsequenzen gezogen. Der gebürtige Heidelberger verlässt „seine“ Universität. Am 1. April wird er an der Pfälzischen Landesbibliothek in Speyer seinen Dienst antreten. Der Vater zweier Kinder hatte das Glück, dass zeitgleich eine der wenigen Stellen der Branche ausgeschrieben und seine Bewerbung erfolgreich war. „ Hier werde ich mit offenen Armen empfangen.“ Sein Noch-Chef Probst sagt zum Abschied:
„Es ist seine Entscheidung, wenn er andernorts bessere Perspektiven sieht.“

RNZ vom 21. Februar 2008