„Ich bin ein Grenzgänger“

Er ist ein Mann der Naturwissenschaft, aber auch der Theologie. Er war mal Katholik, heute ist er evangelischer Pfarrer. Er hat einen Namen, der kaum vermuten lässt, dass er in Schwäbisch-Hall aufgewachsen ist: Vincenzo Petracca. Nach siebeneinhalb Jahren als Pfarrer in Kirchheim verlässt er Heidelberg, um sich in Mannheim um die Menschen zu kümmern, die gerade (aber nicht nur) in diesen Krisenzeiten Hilfe benötigen.

Was Petracca in der Mannheimer Neckarstadt erwartet, das kann er noch nicht sagen. Dort soll ein Arbeitslosenzentrum in einer evangelischen Kirche aufgebaut werden, das nicht nur Seelsorge, sondern auch Rechtsberatung und sozialpädagogische und psychologische Betreuung anbietet. Petracca wird mit seinen Kollegen und Mitstreitern „Kirche neu denken und neu erfinden“, wie er sagt. Er wagt sich also auf Neuland, ein bisschen ist es wie ein Blindflug. Aber schnurgerade ist sein Lebensweg bislang ohnehin nicht verlaufen – von außen betrachtet, hat er einige Brüche vollzogen. Von sich selbst sagt Petracca: „Ich bin ein Grenzgänger.“

Da ist zum Beispiel das Einwandererkind Vincenzo: Vor 44 Jahren in Apulien, unten am Stiefelabsatz des katholischen Italiens, geboren. Seine Eltern wandern aus ins deutsche Musterländle, nach Schwäbisch-Hall, als er ein Jahr alt ist. Er war „der Italiener“ in der Klasse, der erste Ausländer auf dem dortigen Gymnasium. Mit dem Studium in Heidelberg ab 1983 endete diese für ihn nicht einfache Außenseiterrolle. Er studiert Mathematik, macht seinen ersten Hochschulabschluss. Er sei schon immer sehr ökumenisch eingestellt gewesen, erinnert er sich, aber er entfernt sich von der katholischen Kirche immer mehr. Unfehlbarkeit des Papstes? Familienplanung? Die Rolle der Frauen? Zölibat? Auf diese Themen findet er keine Antwort in seiner alten Kirche und wird 1990 Protestant. Mit 27 Jahren dann schreibt er sich nach seinem Abschluss in Mathematik für Theologie ein. Es sei ihm eine „innere Berufung“ gewesen, er wollte eben Pfarrer werden. Die Strapazen hätten sich gelohnt, findet er: „Ich habe diesen Schritt nie bereut.“ Und was haben seine Eltern von der Entwicklung ihres Kindes gehalten? „Wenig begeistert“ seien sie, erzählt Petracca. Man hat den Eindruck, dass es für ihn nicht leicht gewesen sein muss, die Mutter und noch mehr den Vater vom eigenen Weg zu überzeugen.

Zwei Herzen schlagen in Petraccas Brust: Das naturwissenschaftliche und das theologische – die dürfe man nicht gegeneinander ausspielen, sagt er, denn bei de ergänzten sich gut. Für ihn sind diebeiden Denkweisen kein Widerspruch, stellen sich nicht gegenseitig in Frage. Mit den mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundmodellen könne man die Wirklichkeit beschreiben, aber „die Macht dahinter“, die diese Grundmodelle wiederum erkläre, die biete allein die Theologie. „Theologen haben den Hang, sich mit sich selbst zu beschäftigen“, meint der 44Jährige, „da ist meine mathematisch-naturwissenschaftliche Denkweise ein gutes Regulativ, die Probleme zu erden.“ Konkret heißt das für Petracca: Er ist auch bereit, Biker-Gottesdienste abzuhalten, obwohl er selbst keinen Motorradführerschein besitzt. Aber er will diesen Menschen ihre Art des Glaubens lassen. Und wichtig ist ihm auch, die 30- bis 50-Jährigen wieder für die Kirche zu interessieren. Und er wird dabei gerne auch einmal zum „DJ Pfarrer“,wenn er eine Ü30-Party im Gemeindehauskeller veranstaltet.

Vielleicht hat ihn deshalb in seiner theologisch-wissenschaftlichen Arbeit dann auch mehr das Irdische interessiert: die Frage von Gott und Geld, Reichtum als ein theologisches Problem. Weil Reiche sich absondern, eine eigene Welt schaffen, weil Reichtum das Herz mit Gier gefangen nimmt, die zur Sucht – der Habsucht – werden kann, erklärt Petracca. Er hat das Buch „Solidarisch Menschwerden“ gegen den Neoliberalismus mitgeschrieben. Die Folgen dieser Wirtschaftsideologie haben ihn in Kirchheim eingeholt – und werden ihn in Mannheim an seiner neuer Wirkungsstätte fesseln. In seiner Heidelberger Gemeinde hat er feststellen müssen, dass nicht mehr nur Obdachlose, sondern immer mehr sozial Schwache überhaupt nicht mehr zurecht kommen. Sei es die Oma, die von ihrer Rente nicht mehr leben könne, oder eine Familie, die seit Monaten die Kindergartenbeiträge schuldig bleibe.

„Die Armut ist da, aber sie ist ein Tabuthema“, hat er beobachtet. Und er vermutet, dass sich das Problem mit der fortschreitenden Wirtschaftskrise verschärfen wird. Dagegen könnten einzelne Maßnahmen helfen. Aber Petracca wünscht sich einen Runden Tisch, „an dem vermögende und verarmte Heidelberger sich begegnen, miteinander in Dialog treten, einander wahrnehmen in ihrer je eigenen Lebenswirklichkeit“. Man müsse die soziale Wirklichkeit des anderen kennen lernen, um Vorurteile abzubauen. Und um praktische Lösungen zu finden, wie Reichtum gerechter verteilt werden könne. In Mannheims Neckarstadt wird es – trotz aller Heidelberger Probleme – kaum so idyllisch zugehen. Aber diese Aufgabe reizt ihn, das ist der Grund, warum er und seine Frau Heidelberg verlassen.

RNZ vom 25. Juli 2009