Flüchtlingspolitik: Online-Petition fordert „Hochachtung“ für Angela Merkel

Von Götz Münstermann

Heidelberg. Es hat Steffen Bauer gereicht: Die Anschuldigen, die Anfeindungen und die Kritik weit unter der Gürtellinie gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel in Sachen Flüchtlingspolitik. In den sozialen Medien setzt der früher in Heidelberg tätige Pfarrer nun einen Kontrapunkt.

Seit Monaten steht die Kanzlerin im Dauerfeuer, wird als „Volksverräterin“ beschimpft und ist die Hauptzielscheibe für die Kritiker der aktuellen Flüchtlingspolitik. Ende Januar wollte Bauer das nicht mehr so hinnehmen, griff zur Tastatur und schrieb der Bundeskanzlerin direkt einen Dankes- und Unterstützerbrief. Und mit der Anmerkung „mein erstes Mal, aber es war mir heute ein Bedürfnis“ veröffentlichte er sein Schreiben bei Facebook. Innerhalb weniger Tage bekam er viel Zustimmung, sein Statement wurde verbreitet, dass es rund 15.000 Menschen sehen konnten. „Ich hatte das Gefühl, dass es einige Menschen gibt, die das genau so sehen“, sagt der 54-jährige Heidelberger. Sein Anliegen wurde „viral“.

 

Ein Kollege, Torsten Sternberg, sieht die Dinge wie Bauer und beide beschlossen, den offenen Brief bei der Web-Petitions-Plattform Change.org einzustellen. Damit jeder, der möchte, sein Bekenntnis zu einer sachlichen Diskussionskultur, aber auch seine „Hochachtung“ für Merkels Flüchtlingspolitik öffentlich kundtun kann. Trotz teils hämischer und ätzender Kritik gegen die Bundeskanzlerin: Bauers Vorstoß findet immer mehr Unterstützer. Mittlerweile wollen mehr als 50.000 Menschen Merkel den Rücken stärken, wünschen ihr (wie Bauer es formuliert) „Ausdauer, Beharrungsvermögen, eine Klarheit Ihrer Gedanken und gutes Geschick“. Richtig an Fahrt nahm die Online-Petition auf, als Prominente wie der Schauspieler Hannes Jaenicke vergangene Woche darauf aufmerksam wurden und Bauers Vorstoß ihrer Online-Gemeinde ans Herz legten. Innerhalb weniger Tage verdoppelte sich die Zahl der Unterstützer und nimmt immer noch zu.

Und was will Bauer, der bis 2007 Dekan der evangelischen Kirche in Heidelberg war, erreichen? Es gebe keinen einfachen Lösungen, weder Obergrenzen noch Grenzzäune würden die Menschen von ihrer Flucht nach Europa abhalten. Geschweige denn, dass das Europa voranbringe. Ihm geht es aber auch um eine Diskussionskultur, die die „Persönlichkeit der Beteiligten achtet“ und zwischen Politik und Person unterscheidet.

Die Mehrheit der Reaktionen auf seinen Brief sei positiv, erzählt der Leiter der Ehrenamtsakademie der evangelischen Kirchen in Hessen-Nassau. Aber auch er bekam Post von Menschen, die „voll Zorn und Wut“ sind – „das ist scheinbar Teil unserer Kultur derzeit“, konstatiert er trocken. Es gebe offenkundig eine tiefe Verunsicherung und große Ängste bei einigen Menschen. Aber die Flüchtlingssituation sei komplex, so dass man eben nicht den einen Schalter umlegen könne, mit dem man das Problem auf einen Schlag löst. Da müsse man Ängste und Unsicherheit auch einmal aushalten und den Dialog suchen. Eine Reaktion aus dem Bundeskanzleramt hat Bauer noch nicht erhalten, aber vielleicht ist die auch gar nicht so wichtig.

Info: Hier findet man die Online-Petition

 

erschienen auf www.rnz.de am 16. Februar 2016


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