Einmalig: Neubaugebiet ohne Telefonanschluss

Dass Häuslebauer in Heidelberg viel Geld auf den Tisch legen müssen, ist bekannt. Doch im Neubauareal „Im Bieth“ im Stadtteil Kirchheim müssen sich die Bewohner darauf einstellen, dass sie wegen der besonderen Wohnlage ein weiteres finanzielles Handicap meistern müssen: horrende Telefon- und Internetkosten. Denn: In dem Gebiet zwischen Kirchheim und der Speyerer Straße liegen keine Telefonleitungen. Wie es so weit kommen konnte, dazu gibt es widersprüchliche Aussagen.

Damit hat Miriam K. (Name von der Redaktion geändert) nicht gerechnet. Als sie mit ihrer Familie in ihr schlüsselfertiges Reihenhaus ziehen wollte, stellte sich heraus, dass es dort überhaupt keine Telefonleitungen gibt. Nicht nur bei ihr heißt es: kein Anschluss unter dieser Hausnummer. Im Februar hatte Miriam K. bei der Telekom den neuen Telefonanschluss beantragt – im guten Glauben, dass es hier zugeht wie in jedem Neubaugebiet in Deutschland. Zumal sie ein schlüsselfertiges Reihenhaus kaufte, bei dem normalerweise alle Leitungen zum Haus dazu gehören. Bis auf die Telefonleitung ist das auch der Fall.

Dass ein Neubaugebiet keinerlei Telefonleitungen hat, das bezeichnet ein Sprecher der staatlichen Aufsichtsbehörde Bundesnetzagentur in Bonn als „ einmaligen“ Vorgang in Deutschland. Die Frage, wie es so weit kommen konnte, ist nicht leicht zu beantworten. Die Beteiligten schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Insider behaupten, die Deutsche Telekom habe sich nicht rechtzeitig um ein Tiefbauunternehmen gekümmert, das ihre Telefonleitungen verlegt. Erst als das Fuldaer Bauunternehmen Bickhardt-Bau mit den Baggern angerückt sei, um das Areal zwischen Cuzaring und Pleikartsförster Straße bebaubar zu machen, habe sich die Telekom ein Angebot bei dem Tiefbauer der Stadt eingeholt. Das war der Telekom nach Angaben einer Konzernsprecherin aber zu teuer.

Im Rathaus gibt man die Auskunft, dass man weiter mit der Telekom verhandelte, auch mit der Niederlassungsleitung in Stuttgart. Getroffene Verabredungen seien aber nachträglich wieder kassiert worden. Vorschläge und Planungen zur Verlegung der Leitungen habe die Telekom in der Schublade gehabt, jedoch: „Diese wurden zur Ausführung nicht beauftragt“, heißt es in einer Stellungnahme der Stadt. Bei der Deutschen Telekom sieht man die Lage der Dinge ganz anders: Nachdem man das zu teure Angebot abgelehnt habe, sei ein anderes Tiefbauunternehmen damit beauftragt worden, die Leitungen zu verlegen. „Jedoch kam diese Firma mit dem vom Erschließungsträger beauftragten Unternehmer nicht zurecht und gab dann am Ende den Auftrag zurück“, erläutert Telekomsprecherin Cordelia Hiller, „daraufhin haben wir uns mit der Bitte um Unterstützung an die Stadt gewandt.“ Von städtischer Seite sei damals die Unterstützung abgelehnt worden. Reichlich sauer heißt es dazu aus dem Rathaus, dass die Telekom „erst nach Monaten“ ihre eigene Baufirma beauftragt habe, als Gräben schon verfüllt waren und der Straßenbau begonnen hatte. Da sei es kein Wunder, dass die Telekom-Firma den Auftrag wieder zurückgegeben hätte.

Mittlerweile sprechen die Stadt und der Telekommunikationsgigant wieder miteinander. Denn ein Neubaugebiet ohne Telefonleitungen hat einen handfesten Standortnachteil: Man kann kein Festnetztelefon und keine DSL-Leitung mieten. Experten schätzen, dass eine nachträgliche Verlegung der Datenkabel mit dem Aufbuddeln der neuen Straßen „etwas für Millionäre“ sei. Das weiß auch die Telekom und hat deshalb vorgeschlagen, wie in den guten alten Zeiten oberirdisch mit Masten die Anschlüsse zu den Häusern zu bringen. Doch da spielt die Stadt nicht mit, die verlangt unterirdische Leitungen. Jetzt steht im Raum, ob die Telekom vielleicht Leerrohre für ihre Strippen von den Stadtwerken anmietet oder kauft.

Doch einmal abgesehen vom Preis, über den man offenbar verhandelt, gibt es ein weiteres Problem: Nur die Zufahrtsstraßen zu den 23 Gewerbegrundstücken verfügen über Leerrohre. Aber nicht die sogenannten Wohnwege, also die kleinen Straßen zur Erschließung der mehr als 100 Wohnbaugrundstücke. Bleibt also die Frage: Einigen sich Stadt und Telekom über Art und Kosten der Telefonleitungen? Oder investiert gar ein Konkurrent der Telekom, wie die Stadt in einer Stellungnahme andeutet?

Bei der Bonner Bundesnetzagentur heißt es, man rechne im August mit einer Einigung von Stadt und Telekom. Wann aber Miriam K. und ihre zukünftigen Nachbarn zum Telefonhörer greifen und über das Festnetz telefonieren können, das ist unklar. Übrigens: Alle Bewohner des Neubaugebietes werden auch auf Kabelfernsehen verzichten müssen. Kabel BW erschien die Erschließung nicht wirtschaftlich. Vielleicht hat die Telekom die gleichen Rentabilitätsrechnungen angestellt. Nur – beim Fernsehen können sich die Neu-Biether selbst helfen: mit der billigeren Lösung Satellitenschüssel. Telefonleitungen können die neuen Bewohner aber nicht selbst ziehen.

DAS NEUBAUGEBIET Im Bieth

> 103 Wohnbaugrundstücke und 23 Gewerbegrundstücke hat die Stadt „Im Bieth“ auf 21,5 Hektar geschaffen; das Neubaugebiet liegt zwischen Speyerer Straße, Cuzaring und Pleikartsförster Straße im Norden Kirchheims.
> Seit dem Jahr 2006 besteht der Bebauungsplan, der erste Spatenstich zur Erschließung des Areals war imAugust 2007 – die Stadt hat 16,7 Millionen Euro dafür gezahlt. Im Mai 2010 wurde das Heizwerk eingeweiht. Die Erschließung wurde vom Tiefbauamt koordiniert.
> Die Deutsche Telekom hat die Verlegung ihrer Leitungen selbst zu zahlen. Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass sie einem Bürger einen normalen Telefonanschluss zur Verfügung stellt. Eine rechtliche Verpflichtung, Baugebiete bei der Gesamterschließung mit Datenkabeln auszurüsten, gibt es nicht.
> Seit August 2008 war klar, dass es keine Telefonanschlüsse im Neubaugebiet gibt – trotzdem läuft die Vermarktung. Von der Stadt wurden bislang vier Gewerbegrundstücke und zwei
Wohnbaugrundstücken verkauft. Sieben Grundstücke sind fast verkauft und es gibt laut Stadt viele Interessenten.

RNZ vom 20. Juli 2010