@digitalpast: Warum Historiker twittern und dazu ein Begleitbuch veröffentlichen

Von Götz Münstermann

Heidelberg. Vor beinahe eineinhalb Jahren haben der Heidelberger Historiker Moritz Hoffmann und vier Mitstreiter im Netz Furore gemacht. Bei Twitter erzählten sie unter @9Nov38 die Geschichte der Reichspogromnacht anhand von historisch belegten Quellen. 11 000 Twitternutzer wollten auf diesem Weg erfahren, was damals passierte. Jetzt haben die Geschichts-Twitterer ein neues Projekt: Seit dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz bis zur Befreiung Deutschlands im Mai 1945 erzählen sie unter @digitalpast, wie die einfachen Menschen, Opfer wie Täter, die letzten Kriegsmonate erlebten. Für die deutsche Geschichtswissenschaft bewegen sich Hoffmann und seine Kollegen dabei weiterhin auf neuem Terrain.

Herr Hoffmann, warum sollte man Geschichte auch auf Twitter erzählen?

Wir können so ein neues Publikum erreichen. Durch den Medienwandel schauen gerade jüngere Menschen beispielsweise weniger Fernsehen, sie wenden sich von den etablierten Medien ab. Sie dürfen aber für die Geschichtswissenschaft nicht verloren gehen.

Begonnen hat Ihr Projekt im November 2013, als Sie rund um das Gedenken an die Reichspogromnacht zu twittern begannen. Welche Erfahrungen haben Sie damals gemacht?

Mit einer so großen Resonanz hatten wir nicht gerechnet – über 11 000 Menschen folgten unserer Geschichtserzählung, und das hat uns enorm ermutigt. Wir hatten auch Rückmeldungen von Nutzern, die sich erstmals mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt haben. Wir haben ihnen offenbar die Schwellenangst genommen.

Wie haben die Kollegen aus der Wissenschaft reagiert?

Bemängelt wurde, dass wir keinen Kontext der geschichtlichen Ereignisse liefern würden. Dafür haben wir jetzt das begleitende Buch zu @digitalpast geschrieben. Letztendlich war der große Erfolg ein wichtiges Argument, und wir haben ja auch einen wissenschaftlichen Anspruch, grundsätzlich war die Resonanz also auch aus der Wissenschaft sehr positiv.

Sie arbeiten im Bereich Public History. Was ist das?

Das ist ein sehr junges Fach in der Geschichtswissenschaft. In Heidelberg haben wir die erste Professur dafür in Deutschland. Wir machen Geschichtswissenschaft für und über die Öffentlichkeit, man könnte es auch „angewandte Geschichtswissenschaft“ nennen. Es geht um Geschichtsvermittlung abseits von Schule und Universität. Wir wollen die Leute dazu bringen, freiwillig historisch zu denken.

Und welche Rolle spielt dabei Twitter?

Twitter ist ein neuer, ergänzender Kanal – wir zeigen, dass Geschichtswissenschaft keine verstaubte Disziplin ist, dass wir mit neuen Medien die Menschen erreichen wollen. Wir müssen auch aus dem Elfenbeinturm heraus, denn wir werden mit Steuergeldern bezahlt und stehen hier unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck.

@digitalPast berichtet von der Befreiung Auschwitz’ bis zur Befreiung Deutschlands 1945 rund vier Monate später. Warum haben Sie den Zeitraum eingegrenzt?

Ganz praktisch: Die Vorbereitungszeit für das Projekt und das begleitende Buch war zu knapp, um früher zu beginnen. Denn wir wollten nicht die Geschichte der großen Männer, sondern die Alltagsgeschichte der normalen Leute zum Kriegsende erzählen. Die Befreiung von Auschwitz ist dabei ein herausragendes Ereignis und wir wollten zudem mit einem positiv besetzten Moment beginnen. Es wäre ein anderes Signal gewesen, mit dem Untergang der Gustloff zu starten.

Ganz praktisch: Wie entsteht ein Tweet, was steckt an Arbeit für die 140-Zeichen-Nachricht dahinter?

Wir haben Fachliteratur, Tagebücher und Briefe in Archiven durchforstet, Aussagen in eine Tabelle mit Quelle, Datum und Uhrzeit eingetragen, die wir dann zu dem bestimmten Zeitpunkt nach 70 Jahren veröffentlichen. Dahinter steht die Idee einer übergeordneten Erzählung, ich bin quasi der Regisseur des „Films“. Wir haben auch Ereignisinseln geschaffen, etwa die Versenkung der Gustloff, die Bombardierung Dresdens oder die Schlacht um Berlin. Teilweise senden wir hier bis zu zehn Nachrichten pro Minute, an manchen Tagen nur sechs Nachrichten insgesamt. Wir erzählen nicht nur die Geschichte der Opfer, sondern auch der Befreiten, etwa von Victor Klemperer bei der Zerstörung Dresdens.

Warum arbeiten Sie vornehmlich mit Textnachrichten und nicht mit Bildern?

In der Regel sind Bilder nicht frei verfügbar, und wir haben kein Geld für Lizenzen. Nur die Bilder der US-Armee sind frei zugänglich, aber diese stellen nur eine Perspektive dar, nämlich die der Alliierten. Als Wissenschaftler wollten wir eine einseitige Bildsprache vermeiden.

Ist es nicht problematisch, Geschichte nur anhand von 140-Zeichen-Nachrichten zu erzählen?

Das größte Problem ist, dass Geschichte auf eine Abfolge von Ereignissen reduziert wird. Den Kontext herzustellen, das ist die Herausforderung. Mit dem Buch und der Homepage versuchen wir da gegenzusteuern. Das ist natürlich ein Risiko, wir können ja nicht jeden Nutzer zwingen, das Buch zu kaufen oder die Homepage zu besuchen. Beides ist nur ein Angebot. Und es wäre schlimmer, wenn es das Buch nicht gäbe. Unsere Tweets sind besser als gar nichts zu twittern, auch wenn sie vielleicht manchmal missverständlich sein könnten.

Welche Rolle spielt das begleitende Buch?

Das Buch ist essentiell, weil wir so einen Kontext für Täter und Opfer herstellen. Und es ist auch eine gewisse Finanzierung des hohen Arbeitsaufwandes. Wir sind ja eine Gruppe von fünf Geschichtswissenschaftlern, die das nebenbei machen. Nach @9Nov38 hatten wir gesagt, dass wir das gerne noch mal machen, aber nicht ohne Finanzierung. Wir hatten an eine Stiftung gedacht, dass es ein Verlag wurde, ist umso besser.

Was ist an dem Projekt „interaktiv“?

Es haben sich bei uns Nutzer und Leser gemeldet, die uns Erinnerungen ihrer Eltern und Großeltern in Brief- oder Tagebuchform geschickt haben. So kommt es zum Austausch. Und mit dem Twitter-Account @askdigitalpast stehen wir für Rückfragen, etwa zu Quellenangaben, zur Verfügung. Durch dieses Instrument kommen wir mit der Öffentlichkeit in Kontakt und merken, was die Nutzer interessiert. Als Historiker laufen wir manchmal Gefahr, aus den Augen zu verlieren, was die Menschen wirklich interessiert und welchen Kenntnisstand wir voraussetzen können. Im Zuge der Berichterstattung zu Dresden bekamen wir beispielsweise die naheliegende Frage gestellt, warum so spät im Krieg überhaupt noch Juden in der Stadt waren, was wir vielleicht als zu selbstverständlich erzählt haben.

Warum nutzen Sie nicht auch Whats-app und Facebook?

Whatsapp ist technisch einfach zu schwer zu bedienen, das ist ein immenser Aufwand. Facebook hat das Problem, dass nicht alle Nachrichten wegen des Algorithmus eingeblendet werden – im Gegensatz zu Twitter. Zudem wären wir für die Kommentare bei Facebook verantwortlich. Und diese rund um die Uhr zu moderieren, wäre zu aufwändig.

Was ist Ihr vorläufiges Fazit dieses Projekts?

Einerseits ist Twitter in der Geschichtswissenschaft in Deutschland angekommen und es wird zukünftig bestimmt noch mehr dieser Projekte geben. Andererseits haben wir inhaltlich den Bereich erfasst, zudem es bislang, etwa im Geschichtsunterricht in der Schule, nur Versatzstücke gab: die Alltagsgeschichte der normalen Leute in den letzten Kriegsmonaten aus Sicht der Opfer und der Täter.

Info: Das Buch „Als der Krieg nach Hause kam – Heute vor 70 Jahren: Chronik des Kriegsendes in Deutschland“ ist bei Propyläen erschienen und kostet 16,99 Euro.