Die Bürger im Netz verbandeln

Sechs junge Heidelberger finden, dass die Bürger zu spät oder gar nicht (mit)diskutieren, wie sich die Stadt verändern soll. Die gesetzlich vorgeschriebenen Formen der Bürgerbeteiligung kommen immer erst dann, wenn beispielsweise ein Bebauungsplan oder ein Großprojekt festgezurrt sind. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was Menschen sich wünschen, und dem, was gebaut wird“, hat Manuel Steinbrenner beobachtet. Mit der Website www.spacebonding.net wollen er und seine Mitstreiter dieser Entwicklung ein Forum zur sachlichen Auseinandersetzung entgegensetzen.

Wenn über ein geplantes Gebäude in der Stadt (etwa die Erweiterung der Stadthalle) oder ein Entwicklungsprojekt (etwa die Bahnstadt) diskutiert wird, dann kommt naturgemäß eine Gruppe immer wieder in der Öffentlichkeit zu Wort: Die, die sich am häufigsten, lautesten und kompromisslosesten äußert. Doch was will die oft beschworene „schweigende Mehrheit“? Um dieser Frage ein wenig näher zu kommen, haben der Ökonomiestudent Steinbrenner und fünf Mitstreiter die Plattform www.spacebonding.net aufgebaut. „Die Menschen sollen ihreMeinung sagen, bevor die Projekte angepackt werden“, wünscht er sich, „wir wollen sie aktivieren, sich mit den Themen der Stadt auseinanderzusetzen“.

Auf der Webseite kann man sich anonym zu seinem Stadtteil äußern, Stärken, Schwächen und Wünsche ganz subjektiv veröffentlichen und zur Diskussion stellen. So soll es zur Verbindung der Menschen mit dem öffentlichen Raum und der gesellschaftlichen Realität kommen – „Space“ ist der englische Begriff für Raum, „Bonding“ bedeutet verbinden. Das funktioniert aber nur,wenn sich möglichst viele Menschen zu ihrem Stadtteil äußern – und nicht immer nur dieselben bekannten Gesichter auftauchen.

Dass die vielen Bürgerinitiativen in der Stadt diese Plattform inhaltlich kapern könnten, bereitet Steinbrenner Sorgen. Aber er hofft, dass das Projekt durch eine große Beteiligung bislang unbeteiligter Menschen neue Impulse in die Stadt bringt. „Unser größter Erfolg wäre, wenn wir verschiedene gesellschaftliche Gruppen hier in Verbindung bringen“, berichtet Steinbrenner, wenn aufgrund gemeinsamer Interessen der Teilnehmer neue Projekte und Gruppen entstünden.

Wenn es nach den Machern geht, dann soll sich dieser virtuelle Raum für Diskussionen quasi selbst organisieren. Ein Glücksfall wäre es, wenn dieser Diskussionsraum im Internet quasi wie ein „Barometer“ wird, an dem man erkennt, „was die Menschen in den Nachbarschaften bewegt“, so Steinbrenner.  Den inhaltlichen Einstieg soll bei Spacebonding die Altstadt mit den Dauerbrennerthemen Tunnel, Stadthalle und Kneipen-Anwohner-Diskussion machen. Ein schwieriger Start, sind doch schon die meisten Argumente ausgetauscht. Dennoch haben Steinbrenner und Kollegen die Hoffnung, bei der Präsentation des Projekts am 20. März bei der „Langen Nacht der Museen“ bisher unbeteiligten Gruppen ein Forum zu bieten. Durch einen spielerischen und unbefangenen Umgang mit diesen Themen hoffen sie auf neue, eventuell ungenannte Argumente für die etwas eingefahrene Diskussion.