Der Kampf der Stellvertreter

„Schon wieder?“ So manches SPD-Mitglied in Heidelberg wird sich die Augen reiben. Demnächst steht wieder die Wahl des SPD-Landtagskandidaten an – wie vor fünf Jahren. Und als Kandidaten stehen Anke Schuster und Claus Wichmann zur Wahl – auch wie vor fünf Jahren. Doch diesmal wird unter anderen Voraussetzungen nominiert.

Anfang Februar 2005 sorgte die damalige stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Gemeinderatsfraktion für eine Überraschung. Anke Schuster gab bekannt, dass sie gegen den amtierenden Heidelberger SPD-Landtagsabgeordneten Claus Wichmann kandidiere. Schuster, ehemals Mitarbeiterin der Wichmann-Vorgängerin Brigitte Unger-Soyka, verlor. Heidelbergs SPD wollte nicht mitten im Rennen das Pferd wechseln. Wichmann blieb im Rennen, aber nur noch ein Jahr. 2006 verlor er sein Landtagsmandat, die SPD die Wahl.

Fünf Jahre später ging das politische Heidelberg davon aus, dass Schuster die SPD-Kandidatin für die Landtagswahl wird. Sie ist mittlerweile Fraktionsvorsitzende, hat sich in bildungs- und sozialpolitischen Fragen in der Stadt profiliert, verhandelt mit Oberbürgermeister Eckart Würzner auf Augenhöhe. Und nicht zuletzt wurde sie mit Abstand sozialdemokratische Stimmenkönigin bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr. 18 763 Stimmen holte sie da, fast das doppelte an Stimmen wie Wichmann (9784). Doch jetzt sorgte der ehemalige Landtagsabgeordnete für die Überraschung. Er tritt gegen Schuster an, jetzt kämpfen die beiden Stellvertreter des Heidelberger SPD-Vorsitzenden Sebastian Klassen um die Nominierung als Landtagswahlkandidat.

Klassen will sich nicht so richtig festlegen, wer sein Favorit ist. Das käme auch auf die Strategie an, denn CDU-Mann Werner Pfisterer könne man mit Anke Schuster eher Stimmen abjagen. Claus Wichmann sei eine bessere Konkurrenz zur Grünen Theresia Bauer. Wichmann der Linke, Schuster die Rechte? Noch immer hängt Schuster der Ruf an, sie werde nicht im linken Heidelberger SPD-Spektrum verortet. „Vielleicht liegt es daran, dass ich Unternehmensberaterin bin“, sagt die promovierte Politologin, die Professorin für Wirtschaftsinformatik an der SRH-Hochschule ist. Sie betont, bei der Kommunalwahl 6000 panaschierte Stimmen erhalten zu haben: Jeweils die Hälfte sei aus dem CDU-Lager und die andere aus dem Grünen/GAL-Lager gekommen.

Claus Wichmann ist sich sicher, im traditionellen SPD-Spektrum wie auch im linksalternativen Milieu Stimmen holen zu können. In den letzten fünf Jahren hat der Freiberufler seine Kontakte in der Partei genutzt, Hessens und Thüringens SPD im Wahlkampf unterstützt, wie er sagt. Wichmann arbeite jetzt als Berater für Innovation und Kommunikation, hat nach eigenen Angaben Hochschulkooperationen zwischen EU- und Entwicklungsländern vermittelt. Für die SPD in Heidelberg ist er nur noch im Pfaffengrunder Bezirksbeirat aktiv. Dass Schuster da mehr vorzuweisen habe, bezeichnet er „als ideale Ausgangsposition: Das ,David gegen Goliath‘ ist mir doch wie auf den Leib geschrieben.“ Gerade erst hat Heidelbergs SPD zum ersten Mal seit langem wieder geschlossen einen Wahlkampf bestritten. Eine Zerreißprobe wegen seiner Kandidatur fürchtet Wichmann nicht. Er sei auch Teil der Volkspartei SPD. Und Schuster meint, sie halte nichts vom Lagerdenken, man solle sie an ihren Leistungen messen.

Das können die 1400 SPD-Mitglieder dann am 5. Februar tun, wenn es für sie ein Wiedersehen mit Schuster und Wichmann gibt. Mitte April entscheiden die SPD-Delegierten über die beiden.

RNZ vom 26. Januar 2010