Am vierten Tag der Besetzung kam die Polizei

Die Kommentare zur Räumung der Alten Universität gleichen sich: „Ich bin entsetzt, dass es so gekommen ist“, sagt Prorektor Kurt Roth am Samstagmorgen, während 160 Polizeibeamte das besetzte Gebäude räumen. „Wir sind so enttäuscht“, sagt ein Besetzer, nach dem er von der Polizei herausgebracht worden war. 112 Studenten hatten die dritte Nacht im besetzten Rektorat zugebracht, jetzt müssen sie mit einer Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch rechnen.

Der Universitätsplatz am Samstagmorgen um sieben Uhr: Viele Anwohner schlafen, die Besetzer schlafen, nur ein paar Frühaufsteher und Lieferanten sehen die anrückenden Beamten der Heidelberger Polizeidirektion und Bereitschaftspolizei Bruchsal. Um vier Uhr waren sie in Bruchsal abgerückt, um fünf Uhr bei der Lagebesprechung in Heidelberg. Als es auf dem Uniplatz losgeht, ist das Gebäude umstellt, ein Stoßtrupp kommt über einen Hintereingang und überrascht die Besetzer. Dreimal wird kurz und knapp von der Einsatzleitung die Räumung angekündigt, Versuche der Besetzer, noch über einen „geordneten Rückzug“ zu verhandeln, werden ignoriert. Die Besetzer müssen sich im Erdgeschoss versammeln, um 7.35 Uhr wird der erste von zwei Polizisten eskortiert herausgeführt. Jeder muss durch die „Bearbeitungsstraße“, wie die Polizei die aufgebaute Wagenburg nennt. Erkennungsdienstliche Behandlung, Fotografieren, Platzverweis ist die Reihenfolge. Eine Hand voll Sympathisanten steht am Zaun und versucht einmal kurz, in den Absperrbereich einzudringen. Von außen beobachtet geht die Räumung friedlich vonstatten – nur wenige Besetzer lassen sich heraustragen. Niemand wird ver letzt. Gegen 10 Uhr ist der letzte Besetzer aus dem Gebäude geführt worden.

Am Vorabend hatte das Uni-Rektorat Strafanzeige gestellt, nachdem klar war, dass die Besetzer nicht gehen. Während vor dem besetzten Amtssitz der Unispitze eine große Party gefeiert wurde, verhandelte Prorektor Roth noch – so zumindest die übereinstimmenden Angaben bei der Seiten. Aber das Angebot Roths, dass die Besetzer im benachbarten Gebäude „Neue Universität“ Räume zur Verfügung gestellt bekommen und dafür die „Alte Uni“ räumen, wurde nicht angenommen. Auch das Gesprächsangebot von Rektor Prof. Bernhard Eitel für Dienstag reichte den Besetzern nicht. „Wir sind mehrfach über unsere eigenen Grenzen hinweggegangen“, sagt Roth am Samstagmorgen, als er aus etwa 100 Meter Entfernung die Räumung beobachtet, „aber irgendwann verlieren auch wir die Glaubwürdigkeit.“ Es habe keinen Zweifel daran gegeben: Wenn die Besetzer nicht gehen, dann wird geräumt.

Aber die Studenten wollten nicht gehen,weil der Rektor und seine Stellvertreter nicht auf ihre Forderungen eingegangen sind. Die angebotene Kommission sei doch eine „Farce“, findet Jura-Student Alexander Schwarz, „da können wir uns mit Herrn Eitel genauso gut in einem Café treffen und reden.“ Die Besetzer aber hätten Forderungen, die im Rahmen des Hochschulgesetzes in Heidelbergs Elite-Uni entschieden werden könnten. Zum Beispiel, dass es elf statt nur vier Vertreter für die 27 000 Studenten im Senat, dem
Uniparlament, gibt. Wenn man mit Studenten gemeinsam die Bachelor- und Master-Studiengänge überarbeiten wolle, dann müsse man ihnen eben mehr als nur ein Rederecht einräumen. Stattdessen sei es zu der „unverhältnismäßigen Maßnahme“ (so Schwarz), also der Räumung, gekommen. „Verhältnismäßig wäre gewesen, wenn Rektor Eitel den Senat einberufen und unsere Anträge vorlegen würde“, so der angehende Jurist, „aber der Rektor lehnte eine Senatssitzung ab.“

Das dünne Band der Verständigung zwischen Eitel und den Besetzern ist jetzt zerschnitten. Der Rektor ließ am Samstag mitteilen, dass er nur für Gespräche mit den Studierenden zur Verfügung stehe, die an der Besetzung nicht beteiligt waren. „Alle Möglichkeiten zum Dialog“ mit den Besetzern, so Eitel in einer schriftlichen Stellungnahme, seien ausge schöpft gewesen. „Ich will meine große persönliche Enttäuschung über diese Entwicklung nicht verbergen“, so der seit eineinhalb Jahren amtierende Rektor, „es ist immer ein Scheitern, wenn Polizei in der Universität tätig werden muss.“

RNZ vom 22. Juni 2009