Alle warten auf Würzners „Plan B“ und sehen nur Patrick Henry Village als Problem

Die Parteien im Gemeinderat geben sich keineswegs überrascht von der Nachricht, dass die US-Streitkräfte bis zum Jahr 2015 Heidelberg den Rücken kehren wollen. Nur das Tempo und vor allem der komplette Abzug sei erstaunlich, heißt es.

„Ich war nur überrascht, dass Oberbürgermeister Würzner überrascht war“, so Anke Schuster (SPD). Der für die Jahre 2012 bis 2015 angekündigte Abzug komme wegen des Ausbaus der Bahnstadt zu einem „ungünstigen Zeitpunkt“, glaubt Ursula Lorenz (Freie Wähler). Der Abzug sei keine Katastrophe, und es sei auch nicht tragisch, wenn man den Abzug nicht mehr verhindere. Lorenz gibt sich zuversichtlich, dass OB Würzner und seine Verwaltung Pläne in der Schublade haben, was Heidelberg mit den freiwerdenden Flächen machen könnte.

Im anderen politischen Lager ist man sich da nicht so sicher: Erst vergangenen Donnerstag habe Würzner den Hauptausschuss des Gemeinderates mal wieder vertröstet, heißt es bei SPD, Grün-Alternativer Liste (GAL) und Grünen, „mit Händen und Füßen wehrte sich Würzner gegen die Forderung nach einem Masterplan“, so Judith Marggraf (GAL). Offensichtlich habe der OB keinen solchen Plan und spiele lieber auf Zeit, meint Thomas Krczal (SPD), „damit muss endgültig Schluss sein angesichts der jetzt veröffentlichten konkreten Abzugsdaten der Amerikaner“. Beate Deckwart-Boller (Bündnis-Grüne) verlangt, dass man dabei „konsequent auf die Information und Beteiligung der Bürger“ setzt.

Der Abzug werde den Heidelberger Wohnungsmarkt entlasten und den Weg freimachen für den Zuzug von einigen tausend Berufs- und Ausbildungspendlern, so Hilde Stolz (Bunte Linke). Und auch FDP-Rat Michael Eckert vermutet, dass das Umland unter dem Abzug der Amerikaner mehr leiden werde. Viele Menschen würden die Chance nutzen, nach Heidelberg zu ziehen, wenn es dort günstigeren Wohnraum geben werde. Für die Fraktionen im Gemeinderat sei es Konsens, dass die freiwerdenden Wohnflächen in der Südstadt und in Rohrbach Familien als günstiger Wohnraum zugute kommen solle, sagt Jan Gradel (CDU). Das solle die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft GGH in Angriff nehmen, könne sie aber keinesfalls alleine stemmen. Aber Gradel warnt: Je mehr man über diese Flächen öffentlich diskutiere, desto mehr Geld werde der Bund beim Verkauf verlangen können.

Große Sorgen macht allen Fraktionen Patrick Henry Village (PHV) zwischen der Autobahn A 5 und Eppelheim. GAL-Rätin Judith Marggraf fordert den „Schulterschluss“ mit den Umlandgemeinden, um das mehr als 100 Hektar große Areal mit seinen 1600 Wohnungen zu entwickeln. Als Wohngebiet könne man sich die Enklave kaum vorstellen, so Christian Weiss (Bündnis-Grüne), eher schon als Campus. Kreativität fordert Anke Schuster denn PHV sei der „Knackpunkt“ beim Abzug der US-Streitkräfte. Arnulf Weiler-Lorentz (Bunte Linke) verlangt eine vernünftige Verkehrsanbindung, damit man PHV entwickeln könne.

Doch alle Ideen, was man mit den insgesamt 200 Hektar von der US-Army zu räumender Fläche machen kann, hängen von den Finanzen ab. Ursula Lorenz (Freie Wähler) warnt, Heidelberg könne nicht alles zahlen, sie setze auf Investoren. Auch FDP-Rat Eckert zeigt sich zurückhaltend, er setze auf eine möglichst geringe „Staatsquote“ und warnt: „Man darf den Abzug jetzt nicht mit dem Tunnel verknüpfen.“ Doch Judith Marggraf (GAL) sagt: „Diese Entwicklung ist der Tod des Tunnels.“ Und Christian Weiss weiß: „Neuer Wohnraum ist notwendig, der Neckarufertunnel nicht.“ Das Lager links der politischen Mitte geht davon aus, dass sich Heidelberg das 180 Millionen Euro teure Lieblingsprojekt von Oberbürgermeister Eckart Würzner, „Stadt an den Fluss“ samt Autotunnel zwischen Karlstor und Bismarkplatz, nicht mehr leisten könne. In Anbetracht der Finanzkrise müsse jetzt zur Haushaltskonsolidierung gespart werden: „Ich gehe nicht davon aus, dass im Haushaltsentwurf 2011/12 noch etwas von einem Tunnel stehen wird“, so Anke Schuster. Danach müsse alles zur Verfügung stehende Geld für die Entwicklung der freien Flächen genutzt werden. FDP-Rat Eckert fordert, dass bei Bund und Land Hilfsgelder für diesen Stadtumbau eingefordert werden.

RNZ vom 25. Juni 2010