„9Nov38“ setzt Stolpersteine in der Twitter-Timeline

Am kommenden Samstag ist es wieder soweit: Auf allen Kanälen und in allen Medien wird der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 gedacht. Gedenktage haben aber einen entscheidenden Nachteil – sie erinnern nur an einen Tag. Die Verfolgung der Juden im nationalsozialistisch beherrschten Deutschen Reich lässt sich jedoch nicht auf ein Datum reduzieren. Fünf Historiker haben sich jetzt vorgenommen, einen anderen Blick auf die Judenverfolgung vor 75 Jahren zu werfen.

Seit dem 28. Oktober betreiben sie den Twitteraccount „@9Nov38 – Heute vor 75 Jahren. Vor, während und nach der Reichspogromnacht“. Für alle, die keinen Twitteraccount haben oder mehr als nur 140 Zeichen an Informationen möchten, wurde jetzt auch die Website www.9nov38.de freigeschaltet. Initiiert hat das Experiment der Heidelberger Historiker Moritz Hoffmann (29).

„Ab dem 28. Oktober 1938 wurden über 15.000 polnische Juden mit sofortiger Wirkung aus dem Deutschen Reich ausgewiesen“, heißt es in der ersten Twitterbotschaft – und dann erläutern die folgenden Tweets, was danach geschah: Einen Tag später wurden 2000 polnische Juden in Frankfurt zu einer „Passkontrolle“ in die Polizeistellen gesperrt. Am 29. Oktober 1938 die festgehaltenen Kinder, Frauen und Männer in Lastwagen aus Frankfurt in Richtung polnischer Grenze deportiert und teilweise mit Knüppeln von Gestapo-Leuten über die Grenzen geprügelt. „Während der Fahrt wurden wir alle wie Verbrecher behandelt, es ist eine Schande, dass so was überhaupt passieren darf“, berichtet ein Opfer elf Tage vor dem 9. November 1938.

Mit diesem Vorfall startete vergangene Woche der Twitteraccount @9Nov38. Alle Nachrichten, Augenzeugenberichte und Erlebnisse dieses etwas anderen Geschichtsprojekts sind belegt. Das ist der Anspruch von Charlotte Jahnz (Bonn), Petra Tabarelli (Mainz), Christian Gieseke (Jena), Michael Schmalenstroer (Freiburg) und Moritz Hoffmann (Heidelberg), die für @9Nov38 verantwortlich zeichnen. Hinter jedem Tweet steht eine belegbare Quelle, die sie in Archiven und Fachliteratur recherchiert haben. Sie füttern eine Datenbank mit Informationen, die täglich bis Ende November die Geschehnisse rund um die Reichspogromnacht beschreiben.

Hier können Sie die Tweets von @9Nov38 verfolgen:

Die Fünf haben sich mehr vorgenommen, als nur ein Schlaglicht auf einen Tag zu werfen. „Weil wir Historiker sind“, sagt Moritz Hoffmann, „wir wollen erklären, wie es so weit kam, wir wollen einordnen.“ Der 9. und 10. November 1938 sind für die Historiker eben keine singulären Ereignisse, die man einfach so herausgreifen kann. Sie zitieren aus Briefen, Tagebüchern, später niedergelegten Berichten – und befinden sich aber doch auf einer Gratwanderung. Kann man jeden Namen der damals Betroffenen heute auch nennen? Sie diskutieren das für jeden Fall einzeln, wie Hoffmann erzählt. „Gerade bei Opfern muss man abwägen, ob man ihnen posthum nicht noch einmal Gewalt antut.“ Auf der anderen Seite soll die Gewalt, die gegen Juden ausgeübt wurde, nicht anonymisiert, sondern konkret werden.

Mit ihrem Projekt wollen Hoffmann und seine Mitstreiter das Experiment wagen, eine neue Zielgruppe via Twitter auf die Verbrechen vor 75 Jahren aufmerksam zu machen. So wie die mittlerweile in vielen Straßen verlegten Stolpersteine für Verfolgte wollen sie „virtuelle Stolpersteine“ (Hoffmann) im Web setzen, über die die Twitter-Nutzer in ihrer Timeline nicht einfach hinwegscrollen. Die Idee scheint zu funktionieren: Innerhalb einer Woche haben sie schon rund 1000 Follower gewonnen, die das Projekt verfolgen. Und die Website hat mittlerweile ebenfalls an die 400 Zugriffe täglich. „Eine Entwicklung, wie wir sie eigentlich nicht erwartet hatten“, freut sich der 29-Jährige.

@9Nov38 ist nicht das erste Geschichtsprojekt dieser Art bei Twitter. Der MDR hatte schon zum Gedenken an den Mauerfall @9Nov89live initiiert. Doch dem Heidelberger Historiker stieß dort die Sprache, der Duktus auf, er kritisiert die manchmal „banalen“ Tweets. „Dieser Ton wäre für uns nicht angemessen.“ Aber sein Projekt zur Pogromnacht vor 75 Jahren hat deshalb noch lange keinen erhobenen Zeigefinger: Es erfindet keine Akteure, die es gegeben haben könnte, es konstruiert nicht Realität im Nachhinein mit fiktiven Charakteren. @9Nov38 versucht im Original diesen Teil der Shoa zu beschreiben, das Empfinden der normalen Bürger wiederzugeben. Wer dann mehr als nur 140 Zeichen lesen will, der findet weitergehende Informationen auf www.9nov38.de. Dort werden auch die „Fußnoten“ zu jedem Tweet veröffentlicht, damit die Quellen nachvollziehbar sind.

Das alles bedeutet für das Historiker-Quintett einen enormen Aufwand in ihrer Freizeit. Mittlerweile kommen sie zusammen auf gut 100 Arbeitsstunden pro Woche, um das Projekt zu bewältigen. Anfang Oktober hatte Hoffmann die Idee, zwei Wochen später fand er seine Mitstreiter. Es werden für die Regionen Münsterland, Thüringen, Rheinland und Rhein-Main regionalisierte Tweets veröffentlicht. Hoffmann, der gerade seine Masterarbeit über die Leugnung des Holocaust in der Zeit von 1945 bis 1960 abgegeben hat, kümmert sich hauptsächlich um die übergeordneten Recherchen. Ein Drehbuch der Tweets gibt es übrigens nicht. Sie hätten nicht in Gefahr kommen wollen, für die Dramaturgie etwas weglassen zu müssen, erklärt Hoffmann.

Und was passiert in wenigen Wochen, wenn ihr Projekt ausläuft? Dann wollen Hoffmann und sein Team das Ergebnis und die Reaktionen auswerten und mal schauen: Das nächste historische Ereignis zum Twittern steht im kommenden Jahr an: 75 Jahre Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen und Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Weitere Geschichtsprojekte bei Twitter:
Die Jungfernfahrt der Titanic: https://twitter.com/TitanicRealTime
Der Mauerfall 1989: https://twitter.com/9Nov89live
Eine Tweet-Chronik des 20. Jahrhunderts: https://twitter.com/acenturyago

Erschienen auf www.rnz.de am 5.11.13


Schreibe einen Kommentar